SV Bruchhausen-Vilsen - Newsartikel drucken


Autor: Thomas Warnke
Datum: 01.12.2020


Wo Fußball gelebt wird

Der SV Bruchhausen-Vilsen ist an seinem 100. Geburtstag sportlich und strukturell zukunftssicher aufgestellt

Wenn es ein Ständchen gibt, dann ein leises. Ganz gewiss keines, das dem Anlass gerecht wird. 100 Jahre SV Bruchhausen-Vilsen. Den Geburtstag an diesem Dienstag wollte der Verein groß feiern mit einem Festkommers und einem Ball am kommenden Wochenende als Höhepunkt. „Jetzt ist alles ein bisschen anders“, sagt Thomas Warnke. Er kommt nicht umhin festzustellen: Für ein Jubiläum hat sich der Verein eigentlich das falsche Jahr ausgesucht.

So sehr die Corona-Pandemie auch die Pläne der Brokser durchkreuzt hat, so wenig lässt sich Warnke jedoch die Laune verderben. „Wir können unseren 100. Geburtstag auch 2021 feiern“, bekräftigt er. Das Jubiläum werden sich die Lilahemden nicht verderben lassen. Es wird allerdings anders sein als beim 75. Geburtstag, als Willi Lemke die Festansprache hielt und die Brokser gegen den SV Werder Bremen und den FC St. Pauli spielten. „Dieser Gedanke“, sagt Warnke, „ist mometan total weit weg.“

Es ist der Blick ins Innere des Vereins, der ihm Freude bereitet. Sportlich steht die erste Mannschaft in der Bezirksliga glänzend da. Dasselbe gilt für die Zweite in der Kreisliga. Auch die rund 570 Mitglieder beweisen: Der SVBV boomt. In den 90er-Jahren war der Verein noch rund 450 Mitglieder stark. „Seit zwei Jahren sind die Austritte extrem zurückgegangen“, hat Warnke beobachtet. Stattdessen wächst der Klub von Jahr zu Jahr weiter.

Heute prägt eine junge Generation die erste Vilser Herrenmannschaft. Motor des Spiels im zentralen Mittelfeld ist Moritz Warnke.
 

„Das Spannende ist, dass sich die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen seit der Gründung auch bei uns im Verein widerspiegeln“, findet der Vorsitzende. Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg, die Zeit der Träume und Proteste Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre – all das hat auch die Brokser geprägt. Eigenständig waren sie nicht immer. Vereinsgründer Hermann Pantföder war ein Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg. Er brachte den Fußball von der Front mit. Zunächst spielten er und seine Mitstreiter im Männerturnverein Bruchhausen. Doch so recht wurden Turner und Kicker nicht warm miteinander. Dadurch wuchs der Wunsch nach Eigenständigkeit. Der 1. Dezember 1920 ist als Gründungsdatum in die Annalen des SV Bruchhausen-Vilsen eingegangen.

Beim Sportplatzbau packten sie alle mit an, sogar die Briten. Der Platz wurde im Jahr 1960 eingeweiht. Dort finden noch heute Spiele und Trainingseinheiten der Vilser statt.
 

Dass Pantföder später Karriere in der SA machte, ist eine weitere Facette der SVBV-Geschichte. Auf ihn folgte mit Hermann Wülbers ein Präsident, der das genaue Gegenteil verkörperte. Die Gegensätze der Gesellschaft finden sich auch im Verein wieder, der 1926 die erste Meisterschaft im NFV-Sportgau feierte. Weitere Meilensteine waren etwa der Aufstieg in die Amateurliga 1960 und im selben Jahr die Einweihung der Sportanlage am Marktplatz. Dort spielen die Brokser noch heute, mittlerweile aber sind ein zweiter Platz und eine Tribüne dazugekommen. Seit 1970 steht dort auch ein Sportheim. Einmalig sind auch die fünf Finaleinzüge im Kreispokal zwischen 2012 und 2016. Am Ende feierte Vilsen drei Titel.

Zwei Zwangsfusionen

Zweimal musste der SVBV mit dem Turnverein, dem anderen großen Klub des Ortes, zwangsfusionieren. Einmal während der NS-Zeit und einmal nach dem Zweiten Weltkrieg unter britischer Besatzungsmacht. Zusammen blieben die Klubs nie. Das Thema Fusion stand dennoch in der jüngeren Vergangenheit ein paar Mal auf der Tagesordnung, besonders dann, wenn es an Vorstandskandidaten mangelte. Eine Fusion könne er in der Zukunft nicht komplett ausschließen, sagt Warnke zwar, „aber ich kann es mir nur vorstellen, wenn man es nicht aufgrund eines Zwanges tut. Ich glaube aber, dass beide Vereine gut aufgestellt sind.“

Mit Fug und Recht kann Warnke, seit 2008 an der Spitze der Brokser, das von seinem Klub behaupten. Das Vereinsgelände ist ein Schmuckstück, die Zuschauerzahlen sind hoch, die Zahl der Helfer ebenso. „Es ist schon so, dass es da einen gewissen Lokalpatriotismus gibt. Was wir machen, hat eine Bedeutung für die Leute“, findet der Vorsitzende. Das hänge vor allem damit zusammen, dass der Großteil der Spieler aus dem Ort käme. „Die Leute kennen sie, deshalb interessieren sie sich für sie.“ Ein Beleg dafür war etwa die Stickeraktion, eine der wenigen Geburtstags-Ideen, die realisiert werden konnte. „Das war Ortsthema. Es wurde mehr verkauft, als wir erwartet haben. Genaue Zahlen haben wir nicht, aber viele Verkaufsstellen mussten oft nachbestellen“, blickt Warnke zurück. Dass der SV Bruchhausen-Vilsen ein fester Bestandteil des Ortes ist, wird besonders während des Brokser Marktes deutlich. Der Festplatz ist direkt gegenüber der Marktplatzarena. Beim Heimspiel der Lilahemden am Sonnabendnachmittag stehen die Zuschauer nicht selten in Zweier- oder Dreierreihen um das Spielfeld herum. „Da spürt man die Verbundenheit am meisten. Es ist der Markt der Heimkehrer. Dann sind viele da, die nicht mehr in Vilsen leben, und sie schauen sich unser Spiel an“, freut sich Warnke. Der SVBV bedeute Zusammenhalt, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das habe sich in 100 Jahren nicht geändert.

Seit 2008 Vorsitzender: Thomas Warnke

 

Nur der Fußball hält sich

Obwohl es auch Orchester-, Box- oder auch Schauspiel- und Korbballgruppen gab, hat im Verein nur Fußball überdauert. „Ein Ein-Sparten-Verein macht die Entscheidungsprozesse einfacher“, müssen Warnke und seine Mitstreiter nicht auf andere Abteilungen schauen. Die Hierarchien sind flach. Alles dreht sich um Fußball. Das sorgt für eine besondere Atmosphäre. Dass sich der Klub mit seiner kostenintensiven Sparte halten kann, macht der Vorsitzende unter anderem an der Arbeit seiner Vorgänger fest. „Sie haben frühzeitig erkannt, dass wir nicht nur auf Beiträge setzen können.“ Die seien nämlich in der Regel Mitte des Jahres aufgebraucht. „Wir brauchen ein gutes Konzept für Sponsoren, wir brauchen Bandenwerbung, wir pflegen unsere Anlage selbst, um die Kosten gering zu halten. Die Beiträge machen bei uns 40, 45 Prozent aus. So können wir gut leben.“

Die Zukunft beschäftigt Warnke und Co. jederzeit. Mit seiner Bewässerungsanlage war der SVBV einer der Vorreiter im Kreis Diepholz, nun will er sich CO2-neutral aufstellen. Auch eine Anzeigetafel spielt in den Gedanken der Verantwortlichen einen Rolle. „Wir lachen oft darüber, aber die Dinge, über die wir gelacht haben, sind oft gekommen“, sagt der Vorsitzende. Die kleine Tribüne soll zudem lila-weiße Sitzschalen erhalten. All das sind eher kleine strukturelle Planspiele. Das große Ganze passt.

Doch gilt das auch personell? Warnke, der sich selbst am Wochenende als Fan und nicht als Vorsitzenden sieht, wollte ursprünglich zehn Jahre im Amt bleiben. Zwölf sind es mittlerweile. „Ich bin so selbstbewusst zu sagen, dass ich meinen Beitrag an der Entwicklung der letzten Jahre hatte. Aber wir sind jetzt auch an einem Kipppunkt. Ich glaube, dass es in dem Verein Leute gibt, die das jetzt noch besser können. Es ist unsere Aufgabe im Vorstand, diejenigen zu finden und zu erkennen. Ob das ein Jahr dauert, ein halbes oder drei, das weiß ich nicht“, denkt er an die Zeit nach seiner Ära.

Die Chance, sich zu etablieren

Dabei spielt freilich auch der Sport eine Rolle. Im Herren-, Damen- und Mädchen- sowie im Seniorenbereich hat Warnke nichts zu bemängeln. Bei den Junioren sieht es etwas anders aus. „Wir haben Probleme, Trainer zu bekommen, die Zeit haben und qualifiziert sind. Wir hätten besser darauf achten müssen, ob das, was wir geschaffen haben, nachhaltig ist“, ist der Vorsitzende selbstkritisch. Mit Blick auf die Aushängeschilder, nämlich die erste und die zweite Herrenmannschaft, ist er positiv gestimmt. „Die Chance, dass wir uns in der Bezirksliga etablieren, war wahrscheinlich nie größer als jetzt“, sagt er über die junge Elf mit viel Potenzial. „Die Zweite spielt zudem in der Kreisliga eine super Saison. Viele Spieler sind nicht weit weg von der Ersten“, sieht er eine große Leistungsdichte. 

Doch selbst, wenn sich der Verein, der Fußball lebt, nicht auf Dauer auf Bezirksebene etablieren könne, sei das kein Beinbruch. „Wichtig ist, dass die Leute über den Verein sagen: Das ist meins, da fühle ich mich zuhause, damit kann ich mich identifizieren.“ Das Image spiele eine entscheidende Rolle für die Zukunftsfähigkeit. „Wie es ist, siehst du daran, welche Geschichten erzählt und wie sie erzählt werden“, weiß Warnke. Storys gibt es jede Menge nach 100 Jahren. Erzählt werden sie in Vilsen mit einem Lächeln im Gesicht. Das ist für Warnke und seinen SVBV das schönste Geburtstagsgeschenk. Die große Sause, der Festkommers und ein Ballsaal in Lila und Weiß, die Feier mit den Mitgliedern und den Freunden – all das soll im kommenden Jahr folgen. Ausschließlich leise soll der Geburtstag nicht verstreichen.

© Mit freundlicher Genehmigung von Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 01.12.2020