SV Bruchhausen-Vilsen - Newsartikel drucken


Autor: Thomas Warnke
Datum: 03.11.2020


Die 70er Jahre

Die Jugend revoltiert

Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre befand sich die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland komplett im Umbruch. Die Zweifel an den Autoritäten waren in vollem Gang, das Aufbegehren gegen überholte Traditionen unüberhörbar. Alte Zöpfe sollten abgeschnitten, die belastete Vergangenheit Deutschlands endlich aufgearbeitet werden. Mit Willy Brandt bekam Deutschland 1969 zum ersten Mal nach dem Krieg einen sozialdemokratischen Bundeskanzler. Sein Wahlkampfslogan „Mehr Demokratie wagen!“ war richtungsweisend vor allem für die junge Generation, deren Revolte nicht mehr zu stoppen war. Demokratie und Mitbestimmung sollten in allen Bereichen des Lebens Eingang finden. Dementsprechend wurden diese Forderungen auch im Sportverein laut. Zweifelsohne hatte Hermann Wülbers sich erhebliche Verdienste um den Wiederaufbau des Sportvereins erworben, seine teilweise rigide Vorgehensweise bei der Durchsetzung seiner Ziele war aber definitiv nicht mehr zeitgemäß.

Dieter Borcherding, der 1974 zum Präsidenten gewählt wurde, hatte nunmehr die schwierige Aufgabe zu bewältigen, die Generationen unter einen Hut zu bekommen. Und das war nicht leicht. Gerade aus dem A- und B-Jugend-Bereich wurde der Wunsch nach einer totalen Umwälzung der Verhältnisse immer lauter. Weg vom „Hipp-Hipp-Hurra – Enthusiasmus“ hin zur Mitbestimmung auf allen Ebenen, das war das nachvollziehbare Ziel der Jugendlichen im Sportverein. Dieser Prozess, den Dieter Borcherding mit einem unglaublichen Engagement und Geschick steuerte, führte schließlich dazu, dass die Beteiligung der Jugendlichen durch gewählte Jugendvertreter satzungsmäßig festgeschrieben wurde. Die ersten Jugendsprecher Hartmut Juricke, Ulf-Werner Schmidt, Kurt Henschel und Werner Schmitz nahmen ihr Amt mit Nachdruck wahr, die Zeiten hatten sich einfach geändert. So gesehen trat auch auf dieser Ebene wieder Ruhe ein.

Der Sportverein hatte nunmehr die besten Voraussetzungen geschaffen. Die ausgesprochen ansehnliche Stadionanlage an dem Wunschplatz war seit den 60er Jahren endlich da, die alte Umkleidebaracke ohne Duschen und Toiletten war (zum Glück) abgebrannt und ein neues, modernes Sportheim konnte gebaut und zum Vereinsjubiläum 1970 eingeweiht werden.

Ebenso positiv war, dass der Verein einen kontinuierlichen Zulauf an Mitgliedern vermelden konnte. Dadurch allerdings mussten Überlegungen angestellt werden, wie für alle Mannschaften Trainingszeiten einzurichten seien. Die einzige Möglichkeit, allen gerecht zu werden, bestand in der Installation einer leistungsstarken Flutlichtanlage, wodurch bis weit in den Abend hinein trainiert werden konnte. Die Organisation dieses Vorhabens wurde noch einmal in die Hände des Ehrenvorsitzenden Hermann Wülbers gelegt, der mit bekanntem Einsatz an die Umsetzung des Planes ging. Innerhalb eines halben Jahres konnte dann auch „Vollzug“ gemeldet werden. Die Anlage stand und übertraf alle Erwartungen. Und für die Einweihung hatte sich der Vorstand etwas Besonderes überlegt: Ein Prominentenspiel gegen altbekannte Fußballstars. Dieses Spiel zur Einweihung der Flutlichtanlage wurde auf den 23. August 1975 gelegt, dem Tag der Eröffnung des Volksfestes „Brokser Markt“. Und wie erhofft strömten die Zuschauer auf die Stadionanlage. Noch nie gesehene 4000 Zuschauer suchten die Gelegenheit, Stars aus der jüngeren, aber auch ferneren Vergangenheit leibhaftig sehen zu können. Ehemalige Nationalspieler, Weltmeister und Deutsche Meister wie Uwe Seeler, Helmut Rahn, Horst Szymaniak, Willi Schulz, Bernd Patzke, Max Lorenz, Günther Bernard, Pico Schütz, Heinz Steinmann und andere  hatten mit der sog. „Uwe-Seeler-Traditionself“ den Weg nach Bruchhausen-Vilsen angetreten. Bei traumhaftem Sommerwetter wurde den Zuschauern ein Spektakel der Alt-Internationalen geboten, die in einer ansprechenden Partie mit 6 : 0 gegen die übernervösen Hausherren gewannen. Das Ergebnis allerdings war egal, das Erlebnis für jeden Spieler und vor allem für den Verein hingegen unbeschreiblich. Fußball boomte in Bruchhausen-Vilsen!

Recherche und Text: Horst Delekat