SV Bruchhausen-Vilsen - Newsartikel drucken


Autor: Thomas Warnke
Datum: 26.10.2020


Die 50er Jahre

„Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! ...“, so Heinrich Heine 1844 in seinem Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ über eine Reise aus seinem Exil in Paris nach Deutschland. Und genau das entsprach auch der Vorstellung Hermann Wülbers´ über die Zukunft. Der schreckliche Krieg hatte ein Ende gefunden, die nationalsozialistische Diktatur existierte nicht mehr. Die Fehler, die nach dem 1. Weltkrieg begangen worden waren, sollten nicht wieder gemacht werden. Und Hermann Wülbers wollte, dass der SV Bruchhausen-Vilsen zu einem entscheidenden Bestandteil beim Aufbau der Demokratie in der Gesellschaft werden sollte.

Dieses Jahrzehnt hatte es denn auch insgesamt in sich für den Verein. Eine Aktion reihte sich an die nächste:

Der erste Schritt bestand zunächst erst darin, den Sportverein wieder eigenständig zu organisieren, d.h. die Loslösung vom ungeliebten Turnverein wie schon 1920 zu erreichen. Dieses Ziel war mit dem 1.1.1950 geschafft. Natürlich stand danach in erster Hinsicht das Sportprogramm auf der Tagesordnung.Vor allem der Jugend sollte wieder eine gesunde Perspektive geboten werden. Auch standen die Pläne hinsichtlich eines neuen zeitgemäßen Sportgeländes im Raum. Der bisherige Sportplatz hinter der Gaststätte Peters stand bei schlechten Witterungsverhältnissen häufig unter Wasser, für die Zuschauer existierte kaum Komfort usw. Daneben sollte sich der SV aber auch zu einem gesellschaftlichen Mittel- und Treffpunkt in Bruchhausen-Vilsen entwickeln. Um dieses Ziel zu erreichen, entschieden sich die Vereinsoberen, Veranstaltungen aus der Zeit vor dem Krieg wiederzubeleben. Theater- und Operettenaufführungen wurden wieder ins Leben gerufen, auch wurde die „Lila-Weiße-Nacht“ als Ballereignis des Jahres eingeführt. Ebenso wurden - in Zusammenarbeit mit der Schule – ausgesprochen gut besuchte Faschingsveranstaltungen für Jung und Alt organisiert, die über Jahrzehnte zu einem Höhepunkt im Ort werden sollten. Im Ort hieß es in diesen Jahren nicht selten: „Der Sportverein organisiert etwas, da gehen wir hin!“

Der besondere Clou in diesem Jahrzehnt allerdings bestand darin, dass quasi in der beginnenden Hochphase des Kalten Krieges zwischen Ost und West die Fühler in den anderen Teil Deutschlands ausgestreckt wurden, um dort durch die politische Situation eingedämmte Kontakte wieder aufzunehmen. Das Vorstandsmitglied Manfred Roscher hatte bis zum Krieg in Chemnitz gelebt. Nach dem Krieg hatte er die Kontakte zu Freunden und Verwandten dorthin wieder aufgenommen. Dabei wurden Überlegungen angestellt, wie man es denn schaffen könne, eventuell zu einem regelmäßigen Austausch überzugehen. 1955 war es dann soweit. Eine Sportdelegation des SV besuchte Karl-Marx-Stadt, wie Chemnitz zu Zeiten der DDR hieß. Die Verantwortlichen aus des dort ansässigen Vereins „BSG Aufbau-Mitte Karl-Marx-Stadt“ hatten ein vielfältiges Programm auf die Beine gestellt: Stadtbesichtigung, Leichtathletik-Wettkämpfe, ein Handballspiel und selbstverständlich auch ein Fußballspiel der jeweiligen ersten Herren-Mannschaften. Übernachtet wurde dabei in privaten Unterkünften, private und herzliche Kontakte wurden geknüpft. Ein Jahr später 1956 besuchten dann die Sportler der BSG den Sportverein in Bruchhausen-Vilsen. Auch hier wurde versucht, den Gästen ein überaus positives Bild von der Situation im Westen zu vermitteln. Schützenfest, Stadtbesuch in Bremen und ebenfalls sportliche Wettkämpfe verstärkten die freundschaftlichen Beziehungen. Zum Abschluss wurde dann den Gästen aus der DDR noch eine Art „Care-Paket“ mit Produkten mitgegeben, die es in der DDR so einfach nicht gab. Ein absolut einmaliges Ereignis, das aber dann auch einmalig bleiben sollte. Die Mauer in Berlin existierte noch nicht, ebenso noch nicht die schier unüberwindliche Grenze zwischen beiden deutschen Staaten. Besuche dieser Art trugen nun aber nicht unwesentlich dazu bei, dass immer mehr DDR-Bürger die Flucht in den Westen antraten. Und hier reagierte die kommunistische Staatsführung dann auch relativ schnell: Der so fröhlich begonnene und abgelaufene Austausch wurde nunmehr untersagt. Beide Vereine sahen sich dann tatsächlich erst nach dem Fall der Mauer 1989/90 wieder. Ein einmaliges Ereignis war der politischen Räson geopfert worden.

 

Recherche und Text: Horst Delekat