SV Bruchhausen-Vilsen - Newsartikel drucken


Autor: Thomas Warnke
Datum: 06.10.2020


Die 30er Jahre

Mit Beginn dieses Jahrzehntes veränderte sich Deutschland: Der Ton wurde rauer, das politische Chaos nahm zu, der rechtsextreme Terror breitete sich immer mehr aus. Zu Beginn der 30er Jahre war die Weimarer Republik dabei, sich zu pulverisieren. Nachdem Ende der 20er Jahre die Zustimmung für die NSDAP bei Reichstagswahlen deutlich gesunken war, versuchte sie, durch eine zunehmende Radikalisierung des Alltags die Angst der Deutschen zu schüren und den Ruf nach dem „starken Mann“ lauter werden zu lassen. Die Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 („Der Schwarze Freitag“) spielte ihnen dabei in die Hand: Die Staatsschulden wuchsen ins Unermessliche, die Arbeitslosigkeit erreichte ungeahnte Höhen. Nachdem Hitler in einer Koalitionsregierung im Januar 1933 an die Macht gekommen war, änderte sich innerhalb kürzester Zeit der komplette Alltag. Deutschland wurde geradezu auf Linie gebracht. Wer nicht bereit war, sich der nationalsozialistischen Idee zu unterwerfen, hatte mit Konsequenzen zu rechnen.

Und genau das passierte Hermann Wülbers. Nachdem er als Nachfolger Hermann Pantföders 1929 Präsident des Vereins geworden war, hatte er in der absolut chaotischen Zeit Deutschlands versucht, den Sportverein Bruchhausen-Vilsen in einigermaßen ruhige Gewässer zu manövrieren. Er plante für die Mitglieder des Vereins und die Bewohner des Ortes Theater- und Operettenaufführungen, organisierte Vereinsfahrten und Bälle („Die Lila-Weiße Nacht“) und auf sportlicher Ebene die Durchführung des Sportbetriebes. Er hatte nur einen „Fehler“: Er war kein Nazi. Dementsprechend warteten diese nur darauf, ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu vernichten. Im Frühjahr 1935 bot sich ihnen die Gelegenheit. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP in Bruchhausen-Vilsen verfasste eine kurze Stellungnahme an den Bürgermeister mit den Worten:

„Der beim Gemeindebüro beschäftigte Hermann Wülbers ist politisch unzuverlässig und als Schreibhilfe im Gemeindebüro untragbar. Ich bitte den Wülbers in aller Kürze vom Gemeindebüro zu entfernen, sollte dieses nicht geschehen, sehe ich mich veranlasst andere Wege zu beschreiten.“

Wülbers wehrte sich mit Händen und Füßen, suchte sich juristischen Beistand, auch setzten sich die Mitglieder des SV massiv für ihn ein. Aber es half nicht. Am 2. August 1935 musste er sein Amt als 1. Vorsitzender niederlegen und natürlich verlor er auch seine Stellung im Gemeindebüro. Seine Existenz war von einem auf den anderen Tag vernichtet, für einen jungen Familienvater eine reine Tragödie.

Doch Hermann Wülbers ließ sich unterkriegen. Er übernahm die Position des Geschäftsführers des Sportvereins, wie auch immer er das geschafft haben mochte und rückte somit aus dem Fokus der Nationalsozialisten. Nunmehr stand er nicht mehr so im Rampenlicht. Bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939 blieb er im Amt und hielt das Vereinsleben am Laufen. Mit dem 1. September erlosch im Grunde für einige Jahre die Vereinsarbeit, alle Vorstandsposten ruhten.

Ein wesentliches Anliegen in diesen Jahren war ihm neben den gesellschaftlichen Aktivitäten, für den SV möglichst optimale Verhältnisse zu schaffen. In der Gründungsphase des Vereins waren alle durchaus noch bereit gewesen, auch mit Kompromissen zu leben. Dazu gehörte u.a. das Spielfeld auf dem Marktplatz. Abgesehen davon, dass die Maße des Vereins nicht zwingend den Vorgaben entsprachen, ein weiterer wesentlicher Nachteil war, dass in jedem Jahr dort der „Brokser Heiratsmarkt“ stattfand. Kaum waren diese Festtage vorbei, waren die Spielverhältnisse im Grunde komplett unmöglich. Alles war verdreckt, voller Scherben, gesundheitsgefährdend. Regelmäßig beschwerten sich Gastmannschaften über die Unzulänglichkeiten dieser Gegebenheiten. 1935 war es dann soweit: Wülbers Bemühungen hatten Erfolg: Der Gastwirt Wilhelm Peters hatte sich einverstanden erklärt, eine Wiese für den Fußballsport freizugeben. In mühevoller gemeinschaftlicher Arbeit richteten die Mitglieder den Platz her, der dann fast 30 Jahre die Heimstätte des SV Bruchhausen-Vilsen wurde.

 

Recherche und Text: Horst Delekat