SV Bruchhausen-Vilsen - Newsartikel drucken


Autor: Thomas Warnke
Datum: 29.09.2020


Die 20er Jahre

Am 11. November 1918 endet der 1. Weltkrieg mit dem Waffenstillstand von Compiegne. 17 Millionen Menschen hatten in den vier Jahren dieses ersten Krieges der Moderne ihr Leben lassen müssen. Neue und fürchterliche Waffen hatten an den Frontlinien für ein grauenhaftes Gemetzel gesorgt. Überlebende kamen teilweise schwer traumatisiert in ihre Heimat zurück. Waren sie noch im August 1914 voller Zuversicht und Stolz in diese Völkerschlacht gezogen, mussten sie sich jetzt den Fragen stellen, warum der Krieg verloren gegangen sei. Da die Infrastruktur in Deutschland so gut wie unberührt vom Kriegsverlauf geblieben war und die militärische Führung immer noch der Ansicht war, man hätte den Weltkrieg gewinnen können, wenn die Heimatpolitiker nicht der Armee in den Rücken gefallen wären, waren die Schuldigen schnell ausgemacht: die Sozialdemokraten und die Kommunisten hätten Deutschland verraten und geopfert.

Nach dem Kriegsende zeigte sich die politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland schlicht chaotisch. Der Kaiser musste abdanken und war ins Ausland gegangen, die Rechten versuchten die Situation auszunutzen, ebenso die Linken – und Gemäßigte versuchten eine Demokratie aufzubauen, die als Staatsform von einem Großteil der Bevölkerung nicht zwingend geliebt war. In diesem absoluten Chaos wuchs nur bei fast allen Deutschen die Sehnsucht nach einer festen Ordnung und nach einem Selbstwertgefühl, wie es vor dem Krieg existiert hatte.

In dieser Situation kam der junge Hermann Pantföder aus dem Krieg nach Bruchhausen-Vilsen, weil er dort auch die Liebe seines Lebens gefunden hatte. Gleichzeitig brachte er wie viele Kriegsheimkehrer die junge Sportart Fußball als durchaus ernsthaften Zeitvertreib mit. Zur Kompensation der Fronterlebnisse war Fußball für die Frontsoldaten zu einer unglaublich beliebten Abwechslung geworden. Innerhalb kürzester Zeit wusste er durch seine charismatische Art und sein Durchsetzungsvermögen eine größere Anzahl an jungen Männern und Jugendlichen von der großartigen Idee des Fußballs zu überzeugen. 1919 kam der Wunsch nach einem regulären Spielbetrieb in einer geordneten Struktur immer deutlicher auf. Für einen eigenen selbständig agierenden Verein schien es aber noch zu früh, also wurde der Anschluss an den Männerturnverein M.T.V. Bruchhausen gesucht. Im Verlauf der ersten Monate zeigte sich aber, dass die Kluft zwischen Turnern und Fußballern kaum zu überwinden war, in jedem Fall fühlten sich die Fußballer permanent von ihrer Vereinsführung massiv benachteiligt. Als logische Konsequenz wurden ab Januar 1920 konkrete Ideen entwickelt, wie sich denn ein eigenständiger Fußballverein auf die Beine stellen lassen könnte. Am 1. Dezember 1920 war es dann so weit: Der SV Bruchhausen von 1920 wurde als Verein ins Leben gerufen, Hermann Pantföder wurde der erste Präsident.

Pantföder übte dieses Amt bis 1929 aus. Schon 1925 allerdings war er in die NSDAP eingetreten und hatte innerhalb der SA rasant Karriere gemacht. Dementsprechend war es auch nicht verwunderlich, dass die Parteioberen sehr schnell erkannt hatten, welche Vorzüge dieser junge Mann aufwies. Hatte er nicht innerhalb kürzester Zeit aus einem zusammengewürfelten „Haufen“ orientierungsloser Männer eine erfolgreich agierende Mannschaft gemacht? Schon 1926 konnte die erste Meisterschaft im NFV-Sportgau eingefahren werden, 1929 folgte die zweite!

Die SA-Führung entschied somit, Pantföder nach Westfalen abzukommandieren mit der Aufgabe, dort eine schlagkräftige SA-Truppe im Regierungsbezirk Minden und Lippe aufzubauen.

Seine Verdienste um den Fußballsport in Bruchhausen sind definitiv nicht zu leugnen, zum Glück für den Verein aber war er bei der Machtergreifung der Nazis 1933 nicht mehr im Ort. Wer weiß, wie sich der Sportverein unter seiner Ägide in der Nazi-Zeit entwickelt hätte? Sein Nachfolger im Amt des Präsidenten, Hermann Wülbers, erwies sich als ein wahrer Glücksgriff für den SV. Fast ein halbes Jahrhundert lenkte er in unterschiedlichen Funktionen die Geschicke des Vereins im Sinne des demokratischen Gedankengutes und legte die Basis für den SV Bruchhausen-Vilsen, wie er heute bekannt ist. Hermann Pantföder verstarb am 31.03.1933 bei einem Autounfall in Milse/Westfalen nach einem Einsatz für die SA. In Herford wurde eine Straße und ein Marktplatz nach ihm benannt.

 

Recherche und Text: Horst Delekat