SV Bruchhausen-Vilsen - Newsartikel drucken


Autor: Thomas Warnke
Datum: 01.07.2020


Der kleinste aller Vorspr√ľnge

Der SV Bruchhausen-Vilsen II steigt auf, weil er im Schnitt 0,01 Punkte mehr geholt hat als Barenburg

Bruchhausen-Vilsen. Die einen konnten sich gedanklich lange auf ihren Aufstieg einstimmen, die anderen hatten ihn dagegen schon abgeschrieben. Am Ende aber jubelten beide – sowohl die erste als auch die zweite Fußball-Herrenmannschaft des SV Bruchhausen-Vilsen. Beide sind aufgestiegen, die Erste erwartungsgemäß, die Zweite etwas überraschender und mit einem so minimalen Vorsprung, wie ihn der Fußball eigentlich gar nicht kennt.

Der erste Blick auf die Tabelle der 1. Kreisklasse Diepholz zeigt mit dem TSV Barrien und dem TSV Brockum zwei äußerst souveräne Aufsteiger. Das hat sich bis zum vergangenen Sonnabend in Punkten ausgedrückt, seit dem Saisonabbruch nun auch im Quotienten: Barrien holt pro Spiel im Schnitt 2,50 Zähler, Brockum 2,44. „Für uns war eigentlich klar, dass wir nicht aufsteigen“, hatte sich Fabian Schlechter, der die Vilser Zweite gemeinsam mit Ben Weber trainiert, eigentlich bereits vor Monaten auf einen neuen Anlauf in Richtung Kreisliga in der kommenden Serie eingestellt. „Wir hatten es uns in den letzten Spielen auch nicht verdient“, sagt er ehrlich nach nur einem Sieg aus fünf Partien vor und kurz nach der Winterpause.

Doch dann kamen die ersten Gerüchte auf, der TuS Varrel werde sich aus der höchsten Spielklasse des Fußballkreises zurückziehen. Der Aufstieg war nun doch möglich, wurde aber erst spät richtig konkret. „Es kam erst mal lange nichts. Zwischenzeitlich hieß es auch einmal, dass es keinen Nachrücker geben wird“, erinnert sich Schlechter. Ohnehin war die Frage: Ist Vilsen überhaupt dieser Nachrücker? Oder doch der TuS Barenburg? Die Lilahemden sammelten in 19 Spielen 36 Punkte, Barenburg häufte in 17 Partien 32 Punkte an. Wie eng das wirklich ist, zeigen die Quotienten: Vilsen kommt auf einen Wert von 1,89, Barenburg auf 1,88. 0,01 Zähler machen die Brokser zum Aufsteiger. Ein Vorsprung, den es nur wegen der Corona-Pandemie gibt. „Das ist Wahnsinn und einfach auch ein bisschen Glück,“ weiß Schlechter, der aber auch mit dem TuS mitfühlt: „Für Barenburg ist das natürlich bitter.“

Wie ein verdienter Aufstieg fühle es sich nach den schwierigen letzten Spielen der Saison nicht an, gibt Schlechter zu, der momentan mit Weber die Rollen getauscht hat: Sein Partner ist in vorderster Front, er selbst ist momentan mehr in unterstützender Funktion tätig. Die Dienstwege sind kurz in Vilsen. Das ist ein Erfolgsrezept. Schließlich feiern Weber und Schlechter bereits den zweiten Aufstieg mit ihrem Team, das in der Saison 17/18 noch in der 2. Kreisklasse kickte. Wobei das Feiern während der Corona-Pandemie natürlich ausfällt. Die Mannschaft freute sich dennoch: „Wir haben es den Jungs letzte Woche beim Training mitgeteilt und um Rückmeldung gebeten.“ Aber sagen mussten die Spieler eigentlich nichts: „Sobald wir es ausgesprochen hatten, hatten die meisten schon ein ziemliches Grinsen im Gesicht“, sagt Schlechter.

Generell hätten die Brokser den Aufstieg lieber sportlich geschafft. Das betont auch der Vereinsvorsitzende Thomas Warnke: „Das wäre unser Wunsch gewesen.“ Einen Grund, den Aufstieg abzulehnen, sieht er aber genauso wenig wie Schlechter. Die Kreisliga war ohnehin das Ziel. Nun zählt der SVBV zu einem illustren Kreis: Eine erste Mannschaft in der Bezirks- und eine zweite in der Kreisliga – darauf können im Fußballkreis nur wenige Vereine verweisen. Beim TuS Sudweyhe ist die Konstellation genauso wie in Vilsen. Beim TuS Sulingen sieht es sogar noch ein bisschen besser aus mit den Spielklassen Landes- und Bezirksliga. Doch selbst Regionalligist BSV Rehden kann in dieser Hinsicht nicht mit dem SVBV mithalten: Seine Reserve spielte in der 2. Kreisklasse. Die Brokser, mit rund 550 Mitgliedern kein kleiner, aber eben auch kein richtig großer Verein, werden in Zukunft mit noch mehr Respekt wahrgenommen werden.

Für Vilsens Herrenfußball öffnen sich neue Möglichkeiten durch den Doppelaufstieg, der passenderweise ins Jahr des 100. Vereinsgeburtstags fällt. „Das ist für alle Fußballer attraktiv, auch für die Jungs in der Ersten, die dann in der Kreisliga spielen und nicht in der 1. Kreisklasse, wenn sie bei uns aushelfen“, weiß Schlechter, dass eine starke Reserve auch für das Aushängeschild des Vereins Vorteile mit sich bringt. Sein und Webers Team freut sich auf einige Veränderungen, so unter anderem auf Partien mit Linienrichtern. „Für uns ist das ein Riesending. Wir haben oft darüber gesprochen, weil wir uns oft geärgert haben, auch wenn klar ist, dass ein Schiedsrichter allein nicht alles sehen kann. Für uns ist es mit Linienrichtern eine weitere Aufwertung.“ Aufwertung: Dieser Begriff passt gut ins Bild des Fußballs bei den Broksern. Warnke sieht ein neues, ein größeres Selbstbewusstsein. Viele Spieler haben ihren Zenit noch nicht erreicht. „Wir profitieren natürlich von den guten Jugendjahrgängen“, sagt er mit Blick auf zahlreiche Talente, die zuletzt den Sprung in den Herrenbereich geschafft und sich direkt als Verstärkung erwiesen haben. Vilsen hat aussichtsreiche Zukunftsperspektiven. „Es kann noch besser werden“, glaubt der Vorsitzende, der seit 2008 im Amt ist.

Wobei er mit dieser Aussage nicht meint, dass die Lilahemden alsbald mit der Ersten in der Landes- und der Zweiten in der Bezirksliga spielen werden. „Wir spielen das, was wir mit unseren Leuten können“, lautet weiterhin die Maxime. Viel wichtiger sei, „dass alle weiterhin Lila-Weiß denken“. Die Vilser wollen ihre Erfolge aus eigener Kraft feiern und eine hohe Identifikation mit ihrem Klub schaffen. Ehrlicher Spaß und ehrlicher Fußball, dafür wollen sie laut Warnke stehen. Und für ein großes Gefühl der Zusammengehörigkeit. „Das ist in den letzten Jahren noch besser geworden“, freut er sich. Zwischen der ersten und der zweiten Mannschaft ist die Nähe sogar noch größer als zuvor: Schließlich kann die Reserve nur in der Kreisliga bleiben, wenn das Tolle-Team den Klassenerhalt in der Bezirksliga schafft. Auf der anderen Seite weiß die Erste, dass die Spieler, die nicht zum Zug kommen, in der Kreisliga richtig gefordert werden und sich die nötige Praxis für die Bezirksliga holen können. „Es wird eine spannende Saison“, blickt Schlechter voraus.

Sein Team muss sich neu beweisen. Es wird personell kaum Veränderungen geben, das steht fest. „Dass wir auch kreisligatauglich sind, müssen wir beweisen. Ich sehe uns durchaus mit einigen Mannschaften auf Augenhöhe, gegen andere sind wir Außenseiter. Aber das kann auch motivieren“, glaubt er an eine reelle Chance auf den Ligaverbleib.

Darauf hofft auch Warnke. Vor seinem Klub liegt eine Serie mit neuen Perspektiven. Spielten die Brokser mit der Ersten stets oben mit in der Kreisliga, sind sie mit der Zweiten nun eher der Underdog. Auch in der Bezirksliga geht es in erster Linie um den Klassenerhalt. Angst kennen die Lilahemden allerdings nicht. Selbst wenn beide Teams absteigen sollten, „macht hier keiner die Welle“, wie der Vorsitzende sagt. Erst einmal aber freuen sich die Vilser über einen außergewöhnlichen Erfolg am Ende einer außergewöhnlichen Saison in einem außergewöhnlichen Jahr für den Klub. Dass auch ein bisschen Glück vonnöten war? Geschenkt. „Manchmal muss man das schließlich auch mitnehmen“, sagt Schlechter.

© Mit freundlicher Genehmigung von Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 01.07.2020