SV Bruchhausen-Vilsen - Newsartikel drucken


Autor: Thomas Warnke
Datum: 07.06.2020


Das Comeback der Gr├Ątsche

Während im Kreis mancherorts der Fußballbetrieb noch ruht, ist in NRW Vollkontaktsport wieder erlaubt

Landkreis Diepholz. Wann geht es weiter? Also so richtig? Denn der wirkliche Fußball ist das, was die Vereine im Kreisgebiet derzeit spielen dürfen, wahrlich nicht: Abstandsregeln, Hygienebeauftragte, geschlossene Umkleiden und Duschräume, kein Abklatschen und keine Umarmungen. Vieles, was den Sport ausmacht, fehlt. Im Fußball vor allem auch das Wesentliche: Zweikämpfe und Körperkontakt, das Duell Mann-gegen-Mann oder Frau-gegen-Frau. Zumindest im Bereich des Niedersächsischen Fußballverbandes ist das so – noch. Denn ein Blick Richtung Nordrhein-Westfalen lässt hoffen. Im tiefen Westen Deutschlands ist seit dem vergangenen Wochenende nämlich wieder Kontaktsport erlaubt.

Armin Laschet hat sich einen Ruf erarbeitet als vorpreschender Ministerpräsident. In keinem der 16 Bundesländer werden die Corona-Einschränkungen so schnell gelockert wie in dem vom CDU-Politiker angeführten NRW. Das gilt auch für den Sport. So waren unter anderem im Tennis früher als in Niedersachsen Doppel erlaubt. Und auch der Fußball ist einen Schritt weiter als zum Beispiel in Niedersachsen: Seit Pfingstsamstag ist Kicken im Amateurbereich wieder als Kontaktsport möglich. Natürlich gibt es weiterhin Einschränkungen: Höchstens zehn Personen dürfen im Freien zusammenkommen, es muss darüber hinaus zurückverfolgbar sein, wer dabei war. Eine Teilnehmerliste muss also weiterhin geführt werden. Doch ansonsten ist in Nordrhein-Westfalen wieder mehr Fußball möglich als zuvor. Das Trikotzupfen und die Grätsche feiern ihr Comeback.

Henze wundert sich

Die Entwicklung verfolgt unter anderem Andreas Henze genau. Der Bassumer ist der Vorsitzende des Fußballkreises Diepholz. Ihm ist nicht verborgen geblieben, dass das Nachbar-Bundesland, das auch an seinen Fußballkreis grenzt, nicht das erste Mal vorprescht. Die Geschwindigkeit wundere ihn, denn man höre „weiterhin Einschläge rechts und links“, wie er mit Blick etwa auf einen Corona-Ausbruch in einem Restaurant im Landkreis Leer feststellt. „Vorbei ist die Pandemie nicht“, bekräftigt er. Generell klinge es erst einmal komisch, dass Fünf-gegen-Fünf erlaubt sei, aber kein Elf-gegen-Elf wie in einem normalen Fußballspiel über 90 Minuten. „Da frage ich mich schon, was das bringen soll“, wundert sich Henze. Viel fehle schließlich nicht mehr zum regulären Betrieb.

Auch wenn die Zahl der Corona-Neuinfektionen nicht nur niedersachsen-, sondern bundesweit seit einiger Zeit auf niedrigem Niveau ist, weiß Henze, dass die Vereine im Diepholzer Kreisgebiet weiterhin Vorsicht walten lassen. „Viele scheuen noch das Risiko. Das gilt sowohl für den Jugend- als auch den Herrenbereich. Wir haben viele Mannschaften, die noch gar nicht trainieren. Man macht viel Technik oder Kondition. Aber richtig Fußball ist das nicht. Viele möchten das auch noch gar nicht“, erklärt der Kreisvorsitzende. Ein Beispiel dafür ist die erste Herrenmannschaft des SV Bruchhausen-Vilsen: Beim Kreisligisten, der Ende Juni auf dem außerordentlichen Verbandstag des Niedersächsischen Fußballverbandes mit sehr großer Wahrscheinlichkeit den Aufstieg in die Bezirksliga feiern darf, rollt der Ball noch nicht wieder. „Wir werden im Juni noch ein paar Mal trainieren, aber jetzt gehen erst einmal andere Dinge vor“, sagt Trainer Patrick Tolle. Der Fahrlehrer bringt etwa das Geschäft, das wochenlang ruhen musste, wieder ans Laufen, Co-Trainer Jörn Meyer ist im Altenheim tätig. Da gibt es momentan größere Sorgen als Fußball. „Das verstehen die Jungs auch. Natürlich würden sie sich gern wieder auf dem Platz sehen, aber es ist auch schwer, alle Vorgaben einzuhalten. Außerdem will niemand von uns die Sicherheit der Spieler gefährden“, erklärt Tolle.

Der Fußball auf Abstand schmeckt auch den Kickern des SV Mörsen-Scharrendorf nicht wirklich. „Es geht mehr um das Zusammengehörigkeitsgefühl, aber leistungsorientiert arbeiten können wir nicht“, sagt SVMS-Coach Friedhelm Famulla zu den Einheiten, die seine Spieler bislang absolviert haben. Er würde es begrüßen, wieder Training mit Zweikämpfen anbieten zu können. „Dann würden wir sofort wieder einsteigen. Darauf hätten auch die Jungs richtig Lust“, erklärt er. Momentan aber haben die Mörsener eine Pause von Fußballtennis und Co. eingelegt.

Das passt: In den niedersächsischen Fußball ist ohnehin zuletzt Ruhe eingekehrt. Auch abseits der Plätze. Seit der NFV den außerordentlichen Verbandstag für den 27. Juni einberufen und erklärt hat, einen Saisonabbruch mit Auf-, aber ohne Absteigern zur Abstimmung zu stellen, haben sich die Wogen geglättet. Auch im Kreis Diepholz. „Nachdem bekannt wurde, wie der Vorschlag des NFV aussehen wird, gab es zwei Tage lang noch einige Anrufe. Dann wurde alles ruhig. Die Vereine sind momentan zufrieden“, sagt Henze. Die Klubs haben zumindest kurzfristig die erhoffte Planungssicherheit. Daher steht keine Seite, weder Verband noch Landesregierung oder Vereine, unter großem Zeitdruck.

Offen ist dagegen weiterhin, wann die Spielzeit 2020/21 starten kann und in welcher Form sie stattfinden wird. Dass ein Fünf-gegen-Fünf in Nordrhein-Westfalen möglich ist, könnte laut Henze allerdings ein Indiz dafür sein, „dass die neue Saison recht pünktlich beginnen kann“. Während der Corona-Pandemie bleibe jegliche Einschätzung allerdings vage. Aus planerischer Sicht wäre ein pünktlicher Saisonstart freilich umso wichtiger. „Schon allein wegen der Anzahl der Spiele, die wir vor uns haben“, wie Henze betont. Schließlich werden einige Spielklassen deutlich anwachsen, wenn der Verbandstag für den Abbruch mit Auf-, aber ohne Absteigern stimmt. Viele Ligen werden mit Überhang spielen.

Über das Knie brechen will Henze freilich nichts. „Das normale Leben sehe ich im Moment noch nicht.“ Er kenne mittlerweile jemanden, der am Virus gelitten habe. Das sei alles andere als eine Lappalie. Klar ist aber auch, dass unter anderem der Deutsche Fußballbund fleißig Pläne schmiedet für das bundesweite Comeback des Fußballs in seiner ursprünglichen Form. Mit Grätschen und Trikotzupfen wie in NRW, aber dann mit voller Mannstärke auf dem Platz.

© Mit freundlicher Genehmigung von Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 04.06.2020