SV Bruchhausen-Vilsen - Newsartikel drucken


Autor: Thomas Warnke
Datum: 18.01.2019


Zwischen Aufstiegs und Abstiegskampf

Vor Patrick Tolle liegt in Bruchhausen-Vilsen eine zweite Saisonhälfte der Extreme

Bruchhausen-Vilsen. Drei F bestimmen Patrick Tolles Alltag: Fahrschule, Freundin und Fußball. „Für viel mehr bleibt auch keine Zeit“, lacht der 36-Jährige. Die freien Zeitfenster sind seit Kurzem sogar noch ein bisschen kleiner geworden. Denn Tolle trainiert nicht mehr nur die A-Junioren, sondern nun auch die Herrenfußballer des SV Bruchhausen-Vilsen. Vor ihm liegt ein Halbjahr zwischen Aufstiegs- und Abstiegskampf.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Zeit für Tolle ein hohes Gut ist. Jedenfalls kommt er sofort zum Punkt. „Ich brenne für Fußball“, sagt der ehemalige Spieler des TSV Asendorf, des SV Mörsen-Scharrendorf und – natürlich – des SVBV. Der 36-Jährige strahlt Begeisterung aus, die auf seine Spieler abfärben soll. „Patrick ist ein Menschenfänger“, sagt sein Vorgänger Frank Fischer, inzwischen beim FC Sulingen tätig, über Tolle. Das ist ein großes Kompliment. Aber es ist vor allem die Eigenschaft, die Tolle brauchen wird in den kommenden Monaten. Beruf, Familie und jetzt sogar zwei Fußballmannschaften. „Das geht wirklich nur in einem absehbaren Zeitraum“, weiß er.

Auch weil das Ende der doppelten Mission im Sommer absehbar ist, hat er zugesagt, als der Verein um den Vorsitzenden Thomas Warnke an ihn herantrat und ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, die Nachfolge Frank Fischers anzutreten – und das in einer nahezu aussichtslosen Situation. Aufsteiger Vilsen ist Letzter, hat in 19 Spielen nur zehn Punkte geholt. Das rettende Ufer ist bereits acht Punkte entfernt. Der direkte Klassenerhalt ist eine Herkulesaufgabe für Tolle, der zum ersten Mal eine Herrenmannschaft trainiert. Doch da gibt es ja noch den zweiten Rettungsanker: die Relegation. Fünf Zähler fehlen bis zu Rang 13 – nur, will man fast sagen, wenn man Tolle zuhört. „Das können wir packen. Das ist erst einmal unser Ziel“, sagt er selbstbewusst.

Tolle will Aufbruchsstimmung erzeugen beim SV Bruchhausen-Vilsen. Dass nur mickrige elf Partien bleiben, um das lila Wunder zu vollbringen, ist ihm ebenso bewusst wie die Tatsache, dass die Konkurrenten punkten werden und der SVBV noch auf die drei Top-Teams TuS Sulingen II, STK Eilvese und FC Sulingen trifft. „Da kann man eigentlich nichts einplanen“, weiß Tolle. Er ist Realist – aber eben auch Optimist. „Einer oder vielleicht auch drei Punkte und mehr sind trotzdem möglich.“ Der junge Trainer strahlt Zuversicht aus. Schließlich weiß er, wie Erfolg geht. „In den letzten vier Jahren habe ich, den Pokal eingerechnet, vielleicht zehn Spiele verloren“, sagt er nicht ohne Stolz.

Als er die A-Junioren der JSG Bruchhausen-Vilsen übernahm, läutete er eine Erfolgsära ein: Tolle, der zuvor bereits als Jugendtrainer des TSV Asendorf aktiv gewesen war und auch die A-Mädchen und die Frauen in Vilsen betreut hatte, führte das Team von der Kreis- in die Bezirksliga und wurde seitdem Vizemeister und Dritter. Momentan ist die JSG Zweiter, hat gute Aussichten im Aufstiegskampf bei nur drei Punkten Rückstand auf den TuS Sudweyhe. „Bei uns kommt wirklich etwas nach. Das ist eine tolle Mannschaft mit richtig guten Jungs“, sagt Tolle. Auch deshalb wollte er das Team nicht verlassen. „Ich bin von dieser Mannschaft so überzeugt, dass ich sie nicht im Stich lassen konnte“, beschreibt der SVBV-Trainer die enge Bindung, die er zu seinen Spielern aufgebaut hat.

Ebenjene Akteure sollen auch eine entscheidende Rolle im Herrenbereich einnehmen. Die jungen Wilden sind die Vilser Hoffnungsträger. Schon während der Hinrunde baute Fischer mehr und mehr auf die Jugendspieler und konnte keinen Qualitätsverlust erkennen. Im Gegenteil. Das hat auch Tolle zufrieden beobachtet. „Durch sie ist noch einmal Schwung reingekommen.“ Moritz Wohlers stand seinen Mann genauso wie Lasse Kleinschmidt und Jakob Warnke. Nick Brockmann hat sogar zwei Treffer erzielt. „Für die Jungs wäre es toll, wenn wir die Klasse halten, weil sie die Qualität für die Bezirksliga haben“, verweist Tolle auf die gute Zukunftsperspektive. Den Landesliga-Aufstieg mit der Jugend und den Bezirksliga-Klassenerhalt mit den Herren nennt Tolle seine „Wunschziele“. Den Juniorenposten hätte er im Sommer ohnehin abgegeben. „Deshalb wäre der Aufstieg der perfekte Abschluss.“

Der Start ist entscheidend

In der kommenden Saison wird sich Tolle komplett auf die erste Herrenmannschaft konzentrieren. Völlig neu ist die Bezirksliga für den Coach, der die Aufgabe auch aufgrund seines guten Verhältnisses zu Zweitherren-Trainer Fabian Schlechter und Klubchef Thomas Warnke angenommen hat, nicht: Er betreute die Lilahemden beim Heimspiel gegen Wetschen, als Frank Fischer verhindert war. Am Ende stand es 2:3. Wenn im März die Restrunde beginnt, dann zählen eigentlich nur noch Siege, besonders in den ersten beiden Wochen gegen die direkten Konkurrenten TSG Seckenhausen-Fahrenhorst und TuS Kirchdorf. „Diese Spiele sind sehr entscheidend. Wenn wir beide verlieren, dann sieht es schlecht aus. Mit einem Sieg sind wir nicht chancenlos. Aber wenn wir beide Spiele gewinnen, sind wir voll dabei“, erklärt Tolle, wie viel von einem guten Auftakt abhängt.

Ihm bleibt also keine Zeit, um sich im Herrenbereich zu akklimatisieren. Wenn er mit seinem Team die Bezirksliga halten will, muss er sofort abliefern. Dabei hat der Coach durchaus Respekt vor seiner neuen Aufgabe. „Es ist anders, eine Herrenmannschaft zu trainieren. Es ist ein anderes Miteinander. Ich trainiere jetzt Spieler, die so alt sind wie ich“, sieht er eine ganz andere Ausgangssituation als im Jugendbereich. Letztere Aussage ist übrigens nicht aus der Luft gegriffen: Simon Röper ist mit 36 Jahren genauso alt wie sein Trainer. „Alle müssen lernen, damit umzugehen“, fordert dieser. Immerhin bleibt ein bisschen Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen: Der späte Restrundenstart kommt den Vilsern in dieser Hinsicht entgegen. Ein Plus ist auch, dass sich Tolle nicht mehr groß einarbeiten muss: „Ich kenne die Jungs und die Jungs kennen mich“, weiß der Fahrlehrer, der etwa seinen jetzigen Spieler Marten Köhler bereits im Jugendbereich betreute.

Obwohl das erste Pflichtspiel erst in knapp zwei Monaten stattfindet, haben Tolle und der SVBV keine Zeit zu verlieren. „Alle sollen den neuen Schwung merken“, sagt der Trainer. Ausdauer- und Krafteinheiten finden bereits statt. Unter anderem steht ein Lauftraining um den Werdersee an, ehe es danach in die Soccerhalle geht. Am 29. Januar bittet Tolle sein Team dann das erste Mal auf den Platz. „Bis dahin wollen wir das Läuferische auf einem guten Level halten“, erklärt er. Denn eines will er unbedingt vermeiden. „Wenn es nicht für den Klassenerhalt reicht, wollen wir uns nicht nachsagen lassen, dass wir nicht gekämpft haben. Deshalb müssen wir mehr machen als die die anderen Mannschaften.“

Die kommenden Monate werden für alle Vilser sehr intensiv. Dienstags werden A-Junioren und Herren gemeinsam trainieren, die zweite Einheit der Senioren findet nun freitags statt, damit die zahlreichen Studenten mit dabei sein können. Tolle wird also einiges verändern, wobei er betont, dass längst nicht alles schlecht war: „Die Mannschaft hat Qualität, das hat man in vielen Spielen gesehen. Oft fehlte nur das letzte Quäntchen.“ Defensiv sicher stehen und im Aufbau auch spielerische Lösungen finden – unter anderem daran will Tolle, der die längeren Ausdauerläufe selbst mitmacht, mit seinem Team arbeiten. Er weiß: „Mir wird sicher niemand den Kopf abreißen, wenn wir absteigen.“ Mit diesem Gedanken beschäftigt er sich aber derzeit nicht. „Ich glaube an den Klassenerhalt. Wir können eine Euphorie entfachen“, sagt er. Wer sollte das besser können als Tolle, der Begeisterer?

© Mit freundlicher Genehmigung von Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 17.01.2019